Nichts wie hin – in die Skalitzer

Eine Begegnung im  Westen, die ihn bewegt und geprägt hat, war für Matthias Muecke genau genommen eine „Wiedervereinigung“. Seinen besten Freund glaubte der junge Mann aus Ost-Berlin, damals Mitte 20, nach dessen Ausreise „verloren“. Der Mauerfall hob die Trennung auf. Es ist nicht schwer zu erraten, welche Richtung Matthias in der Nacht des 9. November 1989 einschlug.

Im Laufe meiner Jugend habe ich einige Ost-Berliner Freunde zum „Tränenpalast“, dem Grenzübergang an der Friedrichstraße in Berlin-Mitte, begleitet. Es waren Menschen, die mir sehr ans Herz gewachsen waren. So auch mein langjähriger Freund Rainer, der sich schon früh entschieden hatte die DDR verlassen zu wollen.

Er war von Anbeginn unserer Freundschaft ein Querdenker. Knipste alles, was ihm vor die Linse kam und kroch mit mir in den abenteuerlichsten Abrisshäusern herum. Für ihn stand fest mal Fotografie zu studieren. Aber auf keinen Fall in der DDR.

„In die Welt muss man raus, um zu begreifen was Leben ist!“, sagte er mir.

Ich erinnere mich noch genau an den kalten Novembermorgen 1985, als wir mit der Straßenbahn vom Prenzlauer Berg Richtung Friedrichstraße fuhren.
Ich saß Rainer gegenüber und hatte ein Kloß im Hals. Die Tatsache, dass er für immer gehen würde, verschlug mir die Sprache. Obwohl wir die ganze Nacht in einer wilden Runde gefeiert und uns ewige Freundschaft geschworen hatten, packte mich jetzt das blanke Entsetzen.

Warum musste uns diese beschissene Mauer trennen?

„Wir treffen uns nächsten Sommer in Budapest, okay?“, sagte Rainer, als er erwartungsvoll die Treppe zum Transitverkehr in den Tunnel des „Tränenpalasts“ runterstieg. Ich blickte ihm sehnsüchtig hinterher, bevor mir das Wasser in die Augen stieg.

Aus Budapest wurde nichts. Für mich war es eine Trennung für immer. Zu dieser Zeit ahnte niemand, dass vier Jahre darauf der Spuk vorbei sein sollte.

Als ich in der Nacht am 9. November 1989 in Ost-Berlin den Grenzübergang Chausseestraße mit gefühlten dreihunderttausend Menschen passierte und in den Straßen West-Berlins stand, hatte ich wieder diesen Kloß im Hals. Ich konnte nichts sagen, aber das war auch nicht wichtig, denn ich lief zielsicher los und kam nach einer guten Stunde in der Skalitzer Straße in Kreuzberg an. Ich weiß bis heute nicht, wie ich es in dieser Nacht durch West-Berlin bis in die Skalitzer geschafft habe, aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg.

Als ich Rainers Name auf dem vernarbten Klingelschild entdeckte bekam ich weiche Knie.

„Mann Alta, schön dass du da bist!“, sagte Rainer und es war, als wenn wir uns gestern das letzte Mal gesehen hatten. Wir saßen die gesamte Nacht in dem kleinen Zimmer zum Hof. Im Großen schlief seine Freundin mit der Kleinen. Rainer erzählte von seinen Reisen, von Griechenland, der Türkei, Syrien, Jordanien und Israel. Von seinen abenteuerlichen Touren durch Lateinamerika. Ich saß in einem abgewetzten Sessel und hörte ihm einfach nur zu. Er war wirklich in die Welt hinausgezogen, so wie er es damals gesagt hatte. Am Morgen brachten wir die Kleine gemeinsam in den Kinderladen. Auf Höhe der Heinrich-Heine-Straße verabschiedeten wir uns. Ich hatte das Gefühl, dass Rainer noch immer Angst vor der Grenze hat.

Rainer wohnt immer noch in der Skalitzer. Er ist nie wieder in den Ostteil Berlins zurückgekehrt. Für ihn war das damals eine Ausreise für immer. Unsere Freundschaft dagegen hat Grenzen überwunden und die Zeit der Trennung wird von Jahr zu Jahr kleiner.

Foto: privat
***
Matthias Friedrich Muecke, Jg. 1965, ist Maler, Autor und Gründer der edition Mueckenschwarm. Er lebt in Leipzig und Falkenberg (Brandenburg). Das Aufwachsen in der DDR hat er drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall persönlich reflektiert und wortwörtlich „verarbeitet“, im Buch „Niemandsland. Erinnerungen an eine Kindheit“ (Leseprobe_Niemandsland_kunstanstifter2019). Es erzählt von der Freundschaft zweier Jungen im Schatten der Mauer, von Hoffnungen, pubertärem Trotz und einer dramatischen Zäsur im Leben der Freunde. Die Journalistin Marion Brasch hat auf radioeins mit dem Autor darüber gesprochen. 

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