Noch stimmiger wäre ein ganz neuer Name

Schwaben und Sachsen sagen nicht automatisch dasselbe, aber sie klingen dabei ähnlich. „Vor allem, wenn man das Hohenlohische als Vergleich nimmt“, findet Amac Garbe. Er ist Dresdner, aber in beiden Dialekten heimisch, er hat vom Westen Deutschlands zuerst den Süden kennengelernt. Und: Seine Frau. Für die er sogar ein Blind Date gecrasht hat.

„Da war ich 15 Jahre alt und hatte mich in einer Pizzeria verabredet“, erinnert sich Corinna Garbe. Das Date erwies sich als Fehlgriff, sie bekam ihr Handy zu fassen und tippte unter dem Tisch eine Nachricht, damals, im Jahr 2000, noch als SMS an Amac: „Hilf mir hier raus, bitte.“ Nannte den Namen des Lokals, sendete die Nachricht ab. Kurz darauf tauchte tatsächlich der Mitschüler ihres älteren Bruders auf und monierte eine vergessene Kino-Verabredung. Corinna gab sich schuldbewusst – und beide suchten das Weite.

Grund zu feiern: Ohne den Mauerfall gäbe es Familie Garbe so nicht.

Mittlerweile sind sie fünf Jahre verheiratet, Eltern eines Sohnes, und leben in der Dresdner Neustadt. Amac ist hier geboren, er hat einen chilenischen Vater und eine sächsische Mutter. Er war zehn Jahre alt, als die Mauer fiel. Seine Kindheit empfand er als behütet.

„Mit sieben Jahren wollte ich Rentner werden, nachdem ich mitbekommen hatte, dass man als Rentner reisen durfte.“

Von der Erinnerung, die eine deutliche Aussage hat, abgesehen, habe er die Unrechtsseite der DDR nicht mitbekommen. Das „Zu jung sein“ hat sie ihm erspart. 1995 zog die Mutter mit ihm nach Schwäbisch Hall, ins Hohenlohische. Corinnas Familie war die Familie eines Klassenkameraden, Amac gehörte einfach irgendwann dazu. Corinna wiederum stieß irgendwann einfach hinzu, als die Jungen zu Hause Karten spielten, „Uno oder Ligretto“. Dann hob Amac ihr Blind Date auf. Mehr war da nicht. Beide verwenden die Worte „freundschaftlich“ und „platonisch“, sagen aber auch:

„Wir wären nicht, was wir sind, ohne den gemeinsamen Nenner.“

2005 ging Amac, inzwischen Fotograf, zurück nach Dresden. Corinna begann ihre Ausbildung zur Goldschmiedin – in Süddeutschland. Nach der Gesellinnenprüfung wechselte sie in die Niederlande und studierte Schmuckdesign. Die Freundschaft hielt, Amac kam zu Besuch, einmal, noch einmal, ein drittes Mal. Ihre Freundinnen tuschelten. Dann unternahm Corinna den Gegenbesuch in Dresden. Die sächsische Seite war es, welche die Wahrheit zuerst aussprach. Ein Freund simste Amac: „Ist das jetzt deine Verknutschte? Ich fänd’s gut.“ Amac zeigte Corinna die Nachricht. Sie fand:

„Endlich waren wir veranlasst, darüber zu reden.“

Geheiratet haben sie 2014, im Jahr, da ihr Sohn geboren wurde. Amacs Einstellung war: „Heiraten ist reaktionär.“ Dann hat er den Antrag gemacht, im Wohnungsflur, nachdem die Familie vom Eis essen nach Hause kam. Jetzt, so mit einem gemeinsamen Namen an der Tür, ist das Bild für ihn stimmig. Noch stimmiger wäre es, die Familie hätte einen ganz neuen Namen, weil es eine ganz neue Familie ist. So, wie mit der Wende aus zwei Ländern ein neues hervorging. Neu und neugierig.

Ihre Herkunft habe nur einmal eine richtige Debatte bei den Dresdnern ausgelöst, erinnert sich Corinna, „da ging es um Kindererziehung“. Den Entschluss, ihren Sohn erst mit drei Jahren in die Kita zu geben, nicht vorher, wie es in Ostdeutschland normal(er) ist, quittierten die Sachsen heftig stirnrunzelnd, „so, als könne ich mein Kind nicht loslassen. Meine Entscheidung, bewusst Mutter zu sein, passte hier nicht ins Bild.“

„Es gibt nicht das eine Mal, dass wir auf die Unterschiede zwischen Ost und West zu sprechen kommen, die beschäftigen uns jeden Tag“, findet Amac.

Merklichster Gegensatz ihres neuen Landes bleibe drei Jahrzehnte nach der Wende das Lohnniveau. „Solange dieser Unterschied besteht, bleibt im Osten das Gefühl, ungleich behandelt und bevormundet zu werden.“

Foto: Amac Garbe

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